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Rainer Braxmaier  -  Die Idee der Form

Im handwerklichen Sinne ist Skulptur Ausdruck von Masse, die Gewicht hat und Raum verdrängt. Ein Körper strahlt aus seinem Kern und beherrscht seine Umgebung. Dies ist ein subtraktiver Vorgang. Die Figur entsteht durch das Wegnehmen von einem Ausgangsblock, durch Art und Form der Subtraktion erhält sie aber neue Richtungen und eine körperliche Macht.
Dieser traditionellen Auffassung einer Bild-hauerei steht die Arbeit von Ulli Böhmelmann diametral entgegen. Ihr plastisches Denken scheint um die zellenartige Vermehrung einzelner Elemente zu kreisen, die erst in ihrer Addition Körper entwickeln und Raum beherrschen. Analog dazu geschieht eine sensible Anpassung an die atmosphärische und räumliche Gegebenheit, in denen die Künstlerin ihre Figurationen entwickelt. Nie steht ein Objekt monolithisch alleine da. Es ist immer die Summe von Elementen und Umgebungsraum.
Ein solch programmatischer Ansatz erweckt dennoch eher literarische als formale Assoziationen. Ähnlich wie Dan Flavin es verstand, ganze Räume mit nichts als mit Licht zu füllen, gelingt Ulli Böhmelmann eine atmosphärische Einheit, die den Blick weglenkt von materiellen und formalen Gegebenheiten.
Bei einer ihrer jüngsten Ausstellungen im Künstlerkreis Ortenau in Offenburg traf sie auf einen verlockenden Raum. Die Galerie liegt am Rande eines Parks und am Ufer eines alten Gewerbekanals. Die Bewegung der Blätter im Wind, das Fließen des grünlichen Wassers ging eine geglückte Symbiose ein mit gleichsam schwebenden Objekten, die gegen die Gesetze der Schwerkraft von der Decke abgehängt waren. Nicht immer war das Schwerste am tiefsten, das Leichte weiter oben. Was lag also näher als die Assoziation einer Unterwasserlandschaft, in der die Gesetze der Schwerkraft zumindest träger ausgelegt werden.

Natürlich trugen die Formen der Objekte stark zu diesem Eindruck bei. Fast alle Körper waren lamellenartig geöffnet, spreizten sich vielteilig um einen Kern und behielten dabei eine Leichtigkeit, die sich vom Wind bewegen liess; ein sanftes Kreisen und Drehen. Die regelhafte Wiederkehr eines formalen Grundelements stützt den Eindruck der geduldig gewachsenen Pflanze, die Bevorzugung der weichen Blüten- oder Blattform sorgt für den meditativen Beigeschmack.
Der Eindruck einer gewissen materiellen Entrücktheit ist sicher nicht zufällig, sondern basiert auf einer sorgfältig gewählten Materialität, die das genau gegenteilige Ergebnis zeitigt. Nicht der schrundige, erdige Kraftakt einer keramischen Geste beherrscht die Arbeit der Künstlerin, sondern die hauchdünne Form des Porzellans, das marmorgleich einen immateriellen Schein zu bewahren scheint. Eine Oberfläche, die unserem Blick keinen Halt an einer spezifischen Struktur gönnt, nicht einmal spiegelnder Glanz einer gewissen Kostbarkeit, sondern die stumpfe Glätte und Transparenz eines Materials, das so tut, als wolle es als solches gar nicht wahrgenommen werden: nur die Idee der Form.

Eine ganz einfache Irritation beweist dies: die Arbeit "Prospero" existiert zweimal. Ein Konglomerat aus raubenartig aneinanderklebenden kleinen Kugeln, das zellenartiges Wachstum in alle Rchtungen zu simulieren scheint. Eine Ausführung ist in Porzellan, die andere in Papier.
Der visuelle Eindruck allein reicht nicht, um die Form zu begreifen; man muss sie im Wortsinn des Begreifens berühren, um Kühle oder Wärme, Härte oder Weichheit und das Gewicht austarieren zu können. Damit ist Ulli Böhmelmann an einem Kerngedanken der Plastik angelangt. Dieser geradezu ehrfürchtige Respekt vor dem vegetabilen Wuchs, die Sparsamkeit der Inszenierung, die dem Umraum immer mehr Platz einräumt als dem verdrängten Raum, der Hang zum "stillen" Material, das prinzipiell unfarbige Eigenschaften, also entweder Weiß oder signalartiges Rot hat, sind natürlich Metaphern asiatischer Kontemplation.

Die Biografie Ulli Böhmelmanns gibt auch deutliche Hinweise auf einen künstlerischen Werdegang in der Auseinandersetzung mit ostasiatischem Formgefühl. Sie studierte unter anderem bei dem japanischen Künstler Yuji Takeoka an der Bremer Hochschule für Künste und hatte 1994 ihre erste Einzelausstellung in Japan, als sie, erst 24jährig, den INAX Design-Preis gewann.

Nicht zuletzt ist das von ihr favorisierte Porzellan eine Errungenschaft chinesischen und japanischen Ursprungs. Ulli Böhmelmann löst das Material freilich vollkommen aus dem tradierten Gefäßzusammenhang heraus und bewahrt in der geronnen Grundform der Blüte den Gestus einer geöffneten Hand. Es ist typisch und tröstlich, dass eine junge Künstlerin, die schon selbstverständlich in eine hochtechnisierte und global vernetzte Zeit hineingeboren wurde, sich gerade in eine technik- und tempofreie Zone zurückzieht: der gelungene Versuch, das Rasen der Zeit anzuhalten und einen Moment der Stille zu bewahren.

So gibt es, wie Martin Walser sinngemäß schrieb, von allem etwas und von jedem auch das Gegenteil. Diese kontemplative Ruhe, die sich in der Arbeit von Ulli Böhmelmann schon über alle gängigen Klischees hinweg zu einer ausgefeilten und sorgfältigen persönlichen Handschrift entwickelt hat, steht - so gedacht - keinesfalls im Gegensatz zur heutigen Zeit.

 
Offenburg, Oktober 1999